Die Frage der Form

1996, vor ziemlich genau 20 Jahren, saß ich in einer weißen Villa am Hamburger Mittelweg, hob als Volontär des Sonntagsblattes jede Woche die Medienseite ins Blatt, die zumeist von irgendwelchen Fernsehserien handelte. Jedes Jahr musste unsere Zeitung mit neun Millionen Mark subventioniert werden. Es gab keine Blogger, die sich zuschalteten, keine Tweets, die uns erreichten, keine Kritik. Gelegentlich schrieb uns ein Leser oder rief im Redaktionssekretariat an, ich selbst kann mich an exakt einen Brief erinnern, den ich in den 12 Monaten meiner Tätigkeit erhielt. In meinem Zimmer stand damals der einzige netzfähige Rechner der Redaktion, der gelegentlich für Recherchen benutzt wurde. Manchmal kamen zwei Redakteure vorbei und sagten zu mir: „Wir gehen jetzt ins Internet.“ Ich wusste nicht wirklich, was sie damit meinten, aber es klang irgendwie modern und geheimnisvoll. Kurzum: Wir machten Zeitung wie auf dem Zauberberg, weltabgewandt, kränkelnd, verliebt in die eigenen Hysterien, von denen wir nicht wissen konnten, ob sie irgendwen da draußen interessierten.

Heute ist diese mediale Phase der hochsubventionierten, weitgehend widerspruchsfrei exekutierten Welterklärung vorbei, die mitunter eben auch von der bloßen Illusion einer Debatte und der Simulation eines großen gesellschaftlichen Gesprächs lebte. Und das ist, im Letzten, eine wirklich gute Nachricht. Die schlechte Nachricht besteht darin, dass unsere digitale Gegenwart eine Art Disintermediations-Hyperintermediations-Paradox regiert. Das ist ein schrecklich sperriger Ausdruck für ein Doppelbild: Einerseits kann sich jeder zuschalten, jeder publizieren, gerade noch mächtige Vermittler lassen sich umgehen, die alten Leuchttürme und die einst auratischen Plattformen der Diskursorganisation erodieren, eben das meint Disintermedation. Andererseits sind – Stichwort Hyperintermediation – längst neue Gatekeeper aufgetaucht, die Informationsströme algorithmisch lenken, mit der selbstbezüglichen Dauerregung im Ego-Loop der persönlichen Interessen Geld verdienen und den Einzelnen bis hinein in das Mikro-Milieu seiner Lebensweise hinein verfolgen, um ihn möglichst umfassend werbetechnisch auszubeuten.

In dieser Situation einer diffusen, schwer fasslichen Vermachtung und Fragmentierung des Diskurses müssen diejenigen, die das große gesellschaftliche Gespräch wollen, neu nachdenken – und sich die Frage der Form stellen: Mit welchen Formen und Formaten lässt sich noch Aufmerksamkeit für ein Thema erzeugen? Wie kann man intellektuelle Leidenschaft und Problemerkenntnis unter den neuen Bedingungen fokussieren? Für mich ist die Initiative von Giovanni di Lorenzo, Martin Schulz und Frank Schirrmacher, die die Ur-Idee zu dieser Charta hatten, eine mögliche Antwort. Man interveniert, man setzt eine These – aber doch bitte nicht, um Recht zu behalten und ein in Stein gemeißeltes Paragraphenwerk zu produzieren! Die Form der Charta lebt von einem kommunikativen Widerspruch, einer Doppelbotschaft, so habe ich all unsere Debatten verstanden: Man startet mit einem klaren Aufschlag, der – scheinbar zumindest – Endgültigkeit suggeriert, aber man setzt gleichzeitig die Botschaft des endgültig Vorläufigen, dringend Ergänzungsbedürftigen. Das heißt: Die scheinbar fixe Form der Charta ist nicht entscheidend, so denke ich. Die entscheidende Botschaft ist, dass wir jetzt streiten müssen, dass wir den Widerspruch brauchen, die Korrektur – und dass das digitale Zeitalter das Zeitalter der großen, herrlich elektrisierenden Dialoge und Diskurse sein könnte, aber wir diese Räume und die offene Form heute verteidigen und neu erfinden müssen, unbedingt. Ich schreibe dies 2016, 20 Jahre nach der Arbeit auf dem Zauberberg einer vorgestrigen Widerspruchsfreiheit. Und nur so: Die Zeitung gibt es nicht mehr und die weiße Villa, in der wir damals saßen, ist längst verkauft.

Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler

Ein Kommentar

  1. 4

    Dann bitte ich Sie, diese vorläufige Form der Charta nicht im EU-Parlament vorzustellen und Fristen einzuhalten, in denen das Meinungsbild eingearbeitet werden soll.
    Tun Sie nicht- Denn schließlich kosten derartige Astroturfing-Stunts bares Geld, und funktionieren nur wenn man die Gesellschaft kurz und schmerzlos fickt.

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